LINKE

Rocker gegen Rechts, Randale gegen Reporter: Erfurt, die Kuhle Wampe und das Scheitern der Blockierer

6 Min. Lesezeit1131 WörterRedaktion

Rund 31.000 Menschen protestierten gegen den AfD-Bundesparteitag in Erfurt — doch die Blockaden liefen ins Leere, während Antifa-Gewalttäter Journalisten jagten. Mittendrin: der linke Motorradclub Kuhle Wampe als Logistiker und Camp-Wache des Protests.

„Verschlafener Antifa-Aktivist im Blümchen-Schlafanzug wacht auf – während er noch im Bett liegt, tagt der AfD-Parteitag in Erfurt bereits“

Wer am Samstag in Erfurt unterwegs war, konnte kaum übersehen, dass die Stadt im Ausnahmezustand stand. Rund 31.000 Menschen — die Veranstalterbündnisse reklamieren wie üblich großzügigere 50.000 — protestierten gegen den Bundesparteitag der AfD in der Messe Erfurt. Es waren die größten Proteste, die es je gegen einen AfD-Parteitag gegeben hat. Gewerkschaften, Kirchen, Omas gegen Rechts, dazu das Blockadebündnis „Widersetzen", das vollmundig angekündigt hatte, den Parteitag zu verhindern. Am Ende des Tages stand fest: Der Parteitag begann pünktlich, Alice Weidel und Tino Chrupalla wurden als Spitzenduo wiedergewählt — und die hässlichsten Bilder des Tages produzierten nicht die Delegierten in der Halle, sondern Teile der Demonstranten davor.

Das große Verhindern, das nicht stattfand

Monatelang hatte „Widersetzen" mobilisiert, mit Aktionskarten, Anreiseplänen und Kundgebungsbeginn um 6 Uhr morgens. 17.000 Menschen sollen sich nach Bündnisangaben an den Blockaden beteiligt haben, Tausende zogen seit der Nacht über Feldwege und Landstraßen zu den Zufahrten der Messe, mehrere Tausend besetzten zeitweise einen Abschnitt der A71. Genützt hat es nichts: Die AfD-Delegierten hatten den Braten längst gerochen und sammelten sich bereits vor 4 Uhr morgens an Treffpunkten weit außerhalb der Stadt, um mit Reisebussen an sämtlichen Blockadepunkten vorbei zum Tagungsgelände zu fahren. Als die Blockierer ihre Sitzkreise formierten und sich einzelne Aktivisten an Straßenbahnschienen festklebten — auf einem Abschnitt, auf dem die Erfurter Verkehrsbetriebe ohnehin keine Bahnen fahren ließen —, saßen die 600 Delegierten längst in der Halle.

Chrupalla eröffnete den Parteitag entsprechend süffisant: Der frühe Vogel fange den Wurm, spottete er, die „Randalierer von der Antifa" hätten „ihr eigenes Störmanöver verschlafen". Die Mittagsbilanz der Blockierer: Die A71-Besetzung wurde von den Aktivisten selbst wieder aufgelöst, die Festgeklebten am Gothaer Platz gaben ein eher trauriges Bild ab, und „Widersetzen"-Sprecher Noa Sander musste die Niederlage zum Erfolg umdeuten: Man habe „die größten Blockaden" der Bündnisgeschichte auf die Beine gestellt. Größte Blockaden, null Wirkung — wenn das der Maßstab ist, kann die AfD mit dieser Sorte Widerstand gut leben.

Die Kriminellen im Protestzug: Jagdszenen auf Journalisten

Ganz ohne Wirkung blieb der Tag allerdings nicht — nur traf sie die Falschen. Die Polizei zählte allein am ersten Parteitagstag 48 Straftaten und elf Ordnungswidrigkeiten. Die schwersten Vorfälle richteten sich gegen die Pressefreiheit: Ein dreiköpfiges Reporterteam des rechtslibertären Portals Apollo News wurde aus einer Demonstration heraus von rund einem Dutzend Vermummten gejagt, zu Boden geschlagen und getreten — auch gegen den Kopf, als die Männer bereits am Boden lagen. Die Bilanz: Platzwunden, Schürfwunden, Prellungen, Versorgung durch Rettungssanitäter. Der Angriff endete erst, als Polizisten eintrafen. Auch Journalisten der Jungen Freiheit berichteten von Übergriffen aus den Reihen der Antifa, die Polizei meldete zwei durch Flaschenwürfe verletzte Medienvertreter, von denen einer im Krankenwagen abtransportiert werden musste. Ein AfD-Bürgerbüro wurde mit Pyrotechnik und Farbbeuteln attackiert.

Man muss es so deutlich sagen: Wer Reporter jagt und auf am Boden Liegende eintritt, weil ihm deren Arbeitgeber nicht passt, hat jedes Recht verwirkt, sich Verteidiger der Demokratie zu nennen. Die Sicherheitsbehörden hatten im Vorfeld mit bis zu 2.500 gewaltbereiten Linksextremisten unter den Anreisenden gerechnet — die Prognose hat sich bestätigt. Und während die Polizei Ermittlungen wegen der Angriffe auf Journalisten aufnahm, verabschiedete sich die taz von ihren Lesern mit einem Liveticker-Schlusswort, das man sich auf der Zunge zergehen lassen muss: „Danke Antifa!" Dass ausgerechnet ein Presseorgan sich bei einer Szene bedankt, aus der heraus am selben Tag Kollegen krankenhausreif geschlagen wurden, sagt mehr über den Zustand von Teilen des linken Milieus als jede AfD-Rede.

Mittendrin: Deutschlands ungewöhnlichster Motorradclub

In dieser Gemengelage bewegt sich eine Truppe, die auf den ersten Blick gar nicht ins Bild passt. Männer und Frauen in Kutten, auf tourentauglichen Maschinen aller Hubraumklassen, mit rotem Stern und gelbem Motorradhelm auf dem Rückenaufnäher: der Verband der Motorradclubs Kuhle Wampe.

Der Name stammt nicht aus der Rockerszene, sondern aus der Weimarer Republik. „Kuhle Wampe" hieß eine Zeltkolonie am Berliner Müggelsee, in der ab 1913 Arbeitersportler und später wohnungslose Opfer der Weltwirtschaftskrise campierten. Bertolt Brecht setzte ihr 1932 mit dem Film „Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?" ein Denkmal — und weil in dem Film auch Motorrad gefahren wird, übernahm der 1976/1978 gegründete Club den Namen. Heute ist die Kuhle Wampe ein Dachverband von rund 40 lokalen Clubs mit etwa 360 Mitgliedern in sieben deutschen Regionen und seit 2015 auch in Österreich. Parteipolitisch unabhängig, die meisten Mitglieder parteilos, einzelne in DKP oder Linkspartei. Frauen sind gleichberechtigte Vollmitglieder, mit dem 1%er-Milieu von Hells Angels und Bandidos hat der Club nichts zu tun. Man muss die Weltanschauung dieses Vereins nicht teilen — sie ist erkennbar tief links, von Anti-Atom-Blockaden in Gorleben bis zu Auftritten gegen die Münchner Sicherheitskonferenz —, aber man sollte präzise beschreiben, was er tut und was nicht.

Logistiker und Camp-Wache: Die Rolle der Kuhlen Wampe

Denn was macht ein Motorradclub bei einer Großdemonstration? Die Antwort gab der Verband zuletzt bei den Protesten gegen den Gründungskongress der AfD-Jugendorganisation: Dort waren 26 Mitglieder und Sympathisanten aus dem ganzen Bundesgebiet im Einsatz — nicht in der ersten Reihe der Blockaden, sondern als logistisches Rückgrat. LKWs fahren und beladen, Protestcamps über Nacht bewachen, mit Motorrädern Sanitäter, Demoteilnehmende und Material dorthin bringen, wo Autos nicht mehr durchkommen. Dazu kommen klassische Ordner- und Security-Aufgaben: Camp-Bewachung war beim JA-Kongress ausdrücklich Teil des dokumentierten Aufgabenpakets, und eine Gruppe erwachsener Kuttenträger wirkt an neuralgischen Punkten allein durch Präsenz deeskalierend. Der Verband pflegt enge Verbindungen zu genau den Strukturen, die auch Erfurt organisiert haben — „Widersetzen", Attac, Omas gegen Rechts, DGB. Für Erfurt, wo Protestierende teils Tage vorher anreisten und in Camps übernachteten, liegt eine vergleichbare Rolle nahe.

[Redaktioneller Hinweis: Ein offizieller Bericht des Verbands über den konkreten Erfurter Einsatz lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor — der Club berichtet auf kuhle-wampe.de erfahrungsgemäß mit einigen Tagen Verzug. Abschnitt dann mit konkreten Zahlen ergänzen.]

Eine Beteiligung der Kuhlen Wampe an den Straftaten des Samstags ist in keiner Quelle dokumentiert — und wäre auch untypisch: Der Club ist in über 45 Jahren nie durch Gewaltdelikte aufgefallen und definiert sich gerade über die Abgrenzung von Kriminalität. Genau darin liegt die unbequeme Wahrheit für das Protestbündnis: Es hat beides in seinen Reihen. Rocker, die Sanitäter durch gesperrte Straßen fahren und Camps bewachen — und einen vermummten Mob, der Journalisten jagt. Wer, wie die Bündnissprecher am Samstag, das eine feiert und zum anderen schweigt, macht sich unglaubwürdig.

Fazit

Erfurt war ein Lehrstück in doppelter Hinsicht. Erstens: Die vielbeschworene Blockade-Macht der radikalen Linken ist ein Papiertiger — von ein paar Reisebussen im Morgengrauen ausgetrickst, während sich die AfD drinnen in aller Ruhe neu aufstellte. Zweitens: Solange das Protestspektrum die Gewalttäter in den eigenen Reihen nicht klar benennt und isoliert, sondern sich bei der „Antifa" auch noch bedankt, liefert es der AfD die besten Wahlkampfbilder frei Haus. Die disziplinierten Teile des Protests — vom DGB-Ordner bis zum Kuhle-Wampe-Rocker — hätten Besseres verdient als diese Gesellschaft. Die AfD tagt heute in Erfurt weiter. Der Katzenjammer bei den Blockierern auch.

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