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Mord, Krieg, Terror: Stehen Sie auf der richtigen Seite? Prof. Dr. Christian Rieck

Veröffentlicht am 14. September 20254 Min. Lesezeit845 Wörter

Prof. Dr. Christian Rieck analysiert spieltheoretisch, wie man moralisch richtige von falschen Positionen unterscheidet. Wer Gewalt, Mord und Terror rechtfertigt, steht nicht auf der guten Seite. Diskussion über Kant, moralische Konsistenz und ethische Grundsätze.

Video

Der Wirtschaftswissenschaftler Christian Rieck hat in einem Video ein spieltheoretisches Kriterium vorgestellt, mit dem sich beurteilen lasse, ob man in aktuellen gesellschaftlichen Konflikten auf der „richtigen Seite“ stehe. Anlass seiner Überlegungen seien mehrere aktuelle Ereignisse gewesen, darunter die Erschießung eines politischen Influencers in den USA, ein als brutal beschriebener Krieg gegen eine Zivilbevölkerung sowie ein Gerichtsurteil, in dem jemand für eine Handlung verurteilt worden sei, für die andere zuvor freigesprochen worden seien.

Rieck erläuterte, die Spieltheorie betrachte Entscheidungssituationen grundsätzlich losgelöst von ihren konkreten Inhalten. Ob es sich um eine Raketensteuerung, Friedensverhandlungen oder das Wurzelwachstum von Wüstenpflanzen handle, sei aus formaler Sicht zweitrangig, da ähnliche Situationen mit vergleichbaren Modellen beschrieben werden könnten. Ein moralisches oder ethisches Urteil liefere die Spieltheorie dabei nicht. Das entscheidende Kriterium sei stattdessen die innere Widerspruchsfreiheit eines Verhaltens: Handle jemand in vergleichbaren Situationen unterschiedlich, sei dies ein Hinweis auf Willkür statt auf konsistente Prinzipien.

Beispiele für Willkür

Zur Veranschaulichung nannte Rieck zwei Fälle. Im ersten sei ein US-amerikanisches Fastfood-Restaurant in Indien von der Gesundheitsbehörde wegen angeblich unhaltbarer hygienischer Zustände geschlossen worden – tatsächlich seien lediglich drei Fliegen im Zubereitungsbereich festgestellt worden, ein in der Praxis kaum vermeidbarer Umstand. Rieck wertete dies als Beispiel für eine willkürliche Anwendung von Regeln, hinter der vermutlich andere Motive wie Korruption oder ideologische Vorbehalte gestanden hätten.

Als zweites Beispiel führte er einen Fall an, in dem bei einer Steuererklärung über rund 800.000 Euro ein strittiger Betrag von 20 Euro als vollzogene Steuerhinterziehung gewertet worden sei. Bei einem derart geringen Fehleranteil von etwa 0,003 Prozent sei es nach Riecks Einschätzung nicht möglich, wirtschaftlich zu handeln, wenn dieser Maßstab durchgängig angewendet würde. Jede Bilanz enthalte in einer gewissen Größenordnung Fehler; würde man diese generell wie im geschilderten Fall bewerten, ließen sich in einem solchen Land keine Unternehmen mehr gründen.

Verhältnismäßigkeit als Prinzip

Rieck betonte, dass zur Widerspruchsfreiheit auch das Prinzip der Verhältnismäßigkeit gehöre. In der Realität gebe es selten ein klares Ja oder Nein; Willkür zeige sich oft darin, dass Fälle je nach Interessenlage unterschiedlich in Kategorien eingeordnet würden. Dieses Prinzip sei in den Rechtswissenschaften seit langem bekannt und über Jahrhunderte entwickelt worden, auch ohne dass dort spieltheoretische Methoden angewendet worden seien. Wer sich widersprüchlich verhalte oder Regeln unverhältnismäßig anwende, stehe demnach aus formaler Sicht nicht auf der „richtigen Seite“, unabhängig vom jeweiligen Inhalt der Entscheidung.

Video-Beschreibung

Um zu entscheiden, ob man auf der "richtigen" Seite steht, gibt es zwei Kriterien, ein formales und ein inhaltliches. Formal: Ist die eigene Position konsistent oder willkürlich? Inhaltlich: werden rote Linien der Menschlichkeit überschritten? Wer Kriegsterror oder Mord gutheißt, steht nicht auf der guten Seite.

►WEITERE INFORMATIONEN VON TEAM RIECK:

Die spieltheoretische Analyse moralischer Positionen reduziert sich auf die Bewertung strategischer Konsistenz. Rationalität verlangt, dass Verhaltensregeln universell formuliert werden müssen. Übertragen auf ethische Systeme bedeutet dies: Eine moralische Position ist nur dann strategisch kohärent, wenn ihre zugrundeliegenden Prinzipien verallgemeinerbar sind, ohne in widersprüchliches Verhalten zu münden.

Kants kategorischer Imperativ findet hier seine spieltheoretische Entsprechung. Eine Maxime, die nicht verallgemeinerbar ist, erzeugt notwendigerweise instabile strategische Situationen. Der Fall der "drei Fliegen" in Indien demonstriert dies exemplarisch: Würde die gleiche Hygienenorm konsistent angewendet, führte dies zum Kollaps des Restaurantgewerbes – ein offensichtlich unerwünschter Zustand. Willkürliche Anwendung von Regeln zerstört die Vorhersehbarkeit, die essentielle Voraussetzung für jedes strategisches Gleichgewicht ist.

Jenseits formaler Konsistenz existieren jedoch nicht-verhandelbare Prinzipien. Verbrechen gegen die Menschlichkeit – operationalisiert durch Entmenschlichung und systematische Gewalt – stellen strategische Handlungen dar, die spielexogen sind und diess überhaupt erst definieren. Sie verletzen die minimalen Voraussetzungen für strategische Interaktion, nämlich die Anerkennung des Gegenübers als rationalen Akteur. Banduras Theorie des moralischen Disengagements beschreibt den Mechanismus, wie Akteure ihre eigenen kognitiven Constraints umgehen, um solche Handlungen möglich zu machen.

Die Genfer Konventionen lassen sich als Versuch interpretieren, diese minimalen Constraints völkerrechtlich zu kodifizieren.

Kognitive Dissonanz nach Festinger stellt einen stabilisierenden Mechanismus für inkonsistente Strategien dar: Akteure passen ihre Präferenzen an, um widersprüchliches Verhalten rationalisieren zu können. Propaganda und Framing manipulieren wiederum die Wahrnehmung der Auszahlungsmatrix – sie verändern, wie Akteure die Konsequenzen ihrer Strategien bewerten.

Die eigentliche analytische Herausforderung besteht darin, dass spieltheoretische Modelle zwar Konsistenz bewerten können, die initialen Payoffs jedoch extern gesetzt werden müssen. Die Bewertung von Menschlichkeit versus Unmenschlichkeit ist kein spieltheoretisches, sondern ein meta-theoretisches Problem. Die Spieltheorie kann lediglich aufzeigen, welche Strategien unter gegebenen Payoffs stabil sind – nicht, ob diese Payoffs selbst moralisch vertretbar sind.

Daher bleibt die ultimative Bewertung von "richtigen" und "falschen" Seiten eine Frage der philosophischen Grundlegung. Die Spieltheorie liefert das Werkzeug zur Konsistenzprüfung, nicht zur inhaltlichen Moralbegründung.

►WEITERES VON CHRISTIAN RIECK:

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Originalbeitrag von Prof. Dr. Christian Rieck

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