
Der Linke-Landtagsabgeordnete Dirk Bruhn hat im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern zwei AfD-Abgeordneten vorgeworfen, während einer Debatte über den Wolf sein durch Parkinson bedingtes Zittern nachgeahmt und ihn dadurch verhöhnt zu haben. In einer persönlichen Erklärung bezeichnete Bruhn die Abgeordneten daraufhin als „nicht nur politische, sondern auch menschliche Arschlöcher“. Das Video seiner Erklärung verbreitete sich in den sozialen Netzwerken mit teils mehreren Hunderttausend bis über einer Million Aufrufen, unter anderem auf Instagram und TikTok. Die frühere Grünen-Politikerin Ricarda Lang erhielt für einen zustimmenden Kommentar zu dem Vorfall besonders viel Zuspruch.
Die betroffenen AfD-Abgeordneten, unter ihnen der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Enrico Schult sowie die Abgeordneten Torsten Koplin (im Transkript als „Stein“ bezeichnet) und Nikolaus Kramer, weisen den Vorwurf zurück. Sie hätten das Verhalten nicht gezeigt und selbst eine persönliche Erklärung im Landtag abgegeben. Nach eigenen Angaben beantragten sie beim Landgericht Schwerin eine einstweilige Verfügung gegen Bruhn sowie gegen Personen, die die Vorwürfe verbreitet hätten. Ein Termin dafür ist für den 21. Mai angesetzt – wenige Tage nach der Landratswahl am 11. Mai, bei der Schult als Kandidat antritt.
Keine Belege gefunden
Recherchen von NDR und weiteren Medien ergaben, dass es für Bruhns Vorwurf keine Bestätigung gibt. Vorhandene Videoaufzeichnungen der Landtagssitzung zeigen laut Landtagsverwaltung nur Bruhn selbst am Rednerpult, nicht jedoch die Sitzreihen der AfD-Fraktion. Auf Anfrage erklärten sowohl die CDU-Fraktion als auch die FDP-Fraktion, niemand aus ihren Reihen habe das beschriebene Verhalten beobachtet – obwohl FDP-Abgeordnete der AfD direkt gegenüber sitzen. Auch aus der SPD-Fraktion, deren Vorsitzender Julian Barlen sich zugleich solidarisch mit Bruhn zeigte, gab es keine Bestätigung des konkreten Vorfalls. Von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen lag bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme vor. Auch der Landtag selbst teilte mit, bei Prüfung der verfügbaren Aufnahmen keinen Beleg für die Vorwürfe gefunden zu haben.
Bruhn hält trotz der fehlenden Bestätigung an seiner Darstellung fest und lehnte es ab, eine von der AfD-Fraktion geforderte Unterlassungserklärung zu unterschreiben. In einem späteren Interview erklärte er, die fehlende Bestätigung ändere nichts an seiner Haltung; zahlreiche Rückmeldungen, unter anderem von Angehörigen von Parkinson-Erkrankten, hätten ihn in seiner Reaktion bestärkt. Die AfD-Abgeordneten sprechen dagegen von einer gezielten Kampagne, die ihrer Ansicht nach auch dazu gedient habe, die Reichweite der Linksfraktion in den sozialen Medien zu steigern und Schults Kandidatur bei der bevorstehenden Landratswahl zu schaden.
Originalbeitrag von Boris von Morgenstern


