In der DDR führten systematische Enteignungswellen zur Verstaatlichung von 95 Prozent der Wirtschaft und machten zahlreiche Familienunternehmen zunichte. Die Familie Hermann aus Sonneberg, deren Teddybär-Manufaktur seit 1920 bestand und international erfolgreich war, sah sich Anfang der 1950er Jahre ebenfalls von der Enteignung bedroht. Aus Angst vor der Verstaatlichung entschied Firmenpatrarch Max Hermann, mit der gesamten Familie nach Coburg zu fliehen und alles zurückzulassen - Waren, Werkstatt und Maschinen.
Die DDR-Führung betrachtete privates Eigentum an Produktionsmitteln als Ursache für die Ausbeutung des Menschen und setzte harte Methoden ein, um Unternehmer mürbe zu machen. Dazu gehörten der Entzug von Lebensmittelkarten, verschärfte Steuerrichtlinien und die Kriminalisierung normaler Geschäftspraktiken durch das Wirtschaftsstrafrecht. Wer den staatlichen Druck nicht aushielt, musste staatliche Beteiligungen an seinem Unternehmen zulassen oder verlor Zugang zu wichtigen Rohstoffen.
Der Enteignungsprozess begann bereits 1945 mit der Demontage von Maschinen als Reparationen an die Sowjetunion und der Beschlagnahme von Firmen, die als kriegsbelastet galten. Bis Anfang der 1960er Jahre gaben 4500 Firmeninhaber dem Druck nach und verkauften Teile ihrer Unternehmen an den Staat. 1972 folgte unter Erich Honecker eine neue Verstaatlichungswelle von etwa 11.000 Betrieben, die endgültig auch kleine und mittlere Unternehmen erfasste.
Die Familie Hermann konnte ihre Tradition im Westen fortsetzen und baute in Coburg erfolgreich ein neues Unternehmen auf, das bis heute Teddybären in traditioneller Handarbeit herstellt. Der andere Teil der Hermann-Familie, der in Sonneberg geblieben war, verlor 1972 seine Puppenfabrik und wurde in einen volkseigenen Betrieb integriert. Die flächendeckende Enteignungspolitik der DDR prägt Ostdeutschland bis heute, wo überwiegend kleine bis kleinste Betriebe existieren und Firmensitze großer Konzerne selten sind.
Originalbeitrag von Wissen-Doku-Info
