
Klaus Schwab, Gründer und langjähriger Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums (WEF), hat einem Bericht zufolge Kontakt- und Hausverbot im Gebäude der Organisation erhalten. Er darf demnach das Gebäude nicht mehr betreten und nicht mit Mitarbeitern sprechen. Anlass sind Vorwürfe aus einem anonymen Schreiben, in dem ehemalige und aktuelle Mitarbeiter dem 87-Jährigen unter anderem vorwerfen, Gelder aus Firmenautomaten für private Zwecke verwendet, private Massagen bezahlt und eine Villa auf Kosten der Organisation bewohnt zu haben. Auch seine Ehefrau soll in Zusammenhang mit möglicherweise veruntreuten Mitteln stehen. Das Wall Street Journal hatte über den Brief zuerst berichtet.
In dem Schreiben werden Schwab zudem ein „toxischer Führungsstil“, Diskriminierung sowie anzügliche Bemerkungen gegenüber Mitarbeiterinnen vorgeworfen. Kritisiert wird, dass sich derartige Vorwürfe kaum entkräften lassen, da sie auf subjektiven Eindrücken beruhen und die Anonymität der Verfasser eine Überprüfung erschwert. Die Verwaltung des Weltwirtschaftsforums habe den Diskriminierungsvorwürfen mit Verweis auf interne Statistiken zu Repräsentation und Beförderungen von Mitarbeitern widersprochen. Schwab selbst ist nach eigenen Angaben nicht mehr operativ in die Geschäfte der Organisation eingebunden.
Deutung als Machtkampf
Trotz der aus Sicht der WEF-Verwaltung nicht bestätigten Vorwürfe kündigte der Stiftungsrat der Organisation umfangreiche Untersuchungen an. Diese Diskrepanz zwischen offizieller Entkräftung der Anschuldigungen und gleichzeitiger intensiver Prüfung wird als Hinweis auf interne Machtverschiebungen gewertet. Die Reaktion auf Basis eines nicht überprüfbaren anonymen Briefes wird als unverhältnismäßig eingestuft, gerade angesichts von Schwabs über 50-jähriger Führungsrolle und seiner Position als Gründer der Organisation.
Ein ähnliches Muster wird bei anderen langjährigen Machthabern zum Ende ihrer Karriere beobachtet. Als Beispiele werden der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl, der durch die CDU-Spendenaffäre unter Angela Merkel politisch isoliert wurde, sowie der ehemalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi genannt, gegen den im höheren Alter zahlreiche Verfahren eingeleitet wurden. Auch US-Präsident Donald Trump wird als möglicherweise gefährdet für einen vergleichbaren Vorgang eingeordnet, insbesondere im Hinblick auf seinen begrenzten politischen Zeithorizont, den er durch wiederholte Andeutungen über eine dritte Amtszeit zu erweitern versuche, obwohl diese in den USA verfassungsrechtlich ausgeschlossen ist.
Klaus Schwab selbst nimmt zu den konkreten Vorwürfen im Rahmen der Analyse keine Stellung; auch eine Reaktion des Weltwirtschaftsforums über die genannten statistischen Einwände hinaus wird nicht dargestellt.
Originalbeitrag von Prof. Dr. Christian Rieck


