Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß beschrieb bereits vor Jahrzehnten ein gesellschaftliches Muster, das bis heute erschreckend aktuell erscheint. Seine Analyse eines wiederkehrenden politischen Rituals zeigt eine zynische Mechanik auf, die sich in der deutschen Politik immer wieder zu bestätigen scheint.
Nach Strauß' Beobachtung folgt die politische Reaktion auf schwerwiegende Verbrechen einem vorhersagbaren Schema aus sechs Akten. Zunächst ereignet sich das schreckliche Verbrechen selbst, woraufhin in einem zweiten Schritt Bestürzung und Empörung in Politik und Öffentlichkeit aufkommen. Der dritte Akt bringt laute Forderungen nach harten Maßnahmen und durchgreifenden Reformen mit sich.
Doch bereits im vierten Akt wendet sich das Blatt: Warnungen vor Überreaktionen und vorschnellen Entscheidungen werden laut. Diese münden schließlich in den fünften Akt, in dem faktisch nichts unternommen wird. Den Abschluss bildet der sechste Akt - der schlichte Übergang zur Tagesordnung, als wäre nichts geschehen.
Diese von Strauß beschriebene Ritualisierung politischer Reaktionen wirft grundsätzliche Fragen zur Handlungsfähigkeit des politischen Systems auf. Die Beobachtung legt nahe, dass zwischen öffentlicher Empörung und tatsächlichen politischen Konsequenzen oft eine erhebliche Kluft besteht, die letztendlich zu einer Lähmung des politischen Handelns führen kann.
Originalbeitrag von Andreas Patzwahl


