
Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat die AfD nach vorläufigem amtlichem Endergebnis 43,8 Prozent der Zweitstimmen erreicht und damit die absolute Mehrheit verfehlt. Grund dafür ist ein deutlicher Unterschied zwischen dem Ergebnis an der Wahlurne und dem Ergebnis der Briefwahl: An der Urne kam die Partei auf 51,2 Prozent, bei den Briefwählern hingegen nur auf 24,3 Prozent. Die Zahlen stammen vom Statistischen Landesamt Sachsen-Anhalt.
Bei den übrigen Parteien zeigte sich das umgekehrte Bild. CDU, SPD, Grüne und Linke schnitten unter Briefwählern jeweils deutlich besser ab als an der Urne. Die Union verbesserte sich um 9,8 Prozentpunkte, die SPD um 5,8, die Grünen um 5,5 und die Linke um 3,4 Prozentpunkte. Beim BSW fiel der Unterschied mit einem Prozentpunkt gering aus. Insgesamt gab gut jeder fünfte Wähler seine Stimme per Brief ab.
Extreme Unterschiede in Orten
Besonders ausgeprägt war die Differenz in einzelnen Gemeinden. In Mertendorf südlich von Halle an der Saale erreichte die AfD an der Urne 63,2 Prozent, bei der Briefwahl dagegen nur 24,5 Prozent – eine Differenz von rund 39 Prozentpunkten. Auch in Hedersleben klafften die Ergebnisse mit 62,9 Prozent an der Urne gegenüber 26,4 Prozent per Brief weit auseinander.
In der Sendung NIUS Live diskutierten die Moderatoren die möglichen Ursachen. Ein Erklärungsansatz sei, dass die AfD ihre Anhänger gezielt dazu aufruft, im Wahllokal statt per Brief zu wählen – auch aus Sorge vor möglicher Manipulation bei der Briefwahl. Konkrete belegte Manipulationsfälle bei dieser Wahl wurden mit Ausnahme eines Einzelfalls in einem Altenheim nicht genannt. Diskutiert wurde zudem, dass die Briefwahl zu Hause anfälliger für familiäre oder soziale Einflussnahme sein könne, während die Stimmabgabe im Wahllokal geheim und frei erfolge.
Der Wahlforscher Hermann Binkert, Chef des Meinungsforschungsinstituts INSA, wird mit der Einschätzung zitiert, ein großer Unterschied zwischen Urnen- und Briefwahl sei noch kein Anzeichen für Manipulation. In der Sendung wurde zudem auf einen dokumentierten Fall von Wahlbetrug bei einer Kommunalwahl 2008 in Bayern verwiesen, bei dem ein Bewerber Briefwahlunterlagen mehrerer Wähler selbst ausgefüllt haben soll. Die Diskutanten warfen zudem die grundsätzliche Frage auf, ob die Briefwahl als Massenphänomen sinnvoll sei, da sie nach ihrer Darstellung die Wahlbeteiligung nicht erhöhe.
Video-Beschreibung
Sachsen-Anhalt hat gewählt – und die Zahlen sorgen für Diskussionsstoff. An der Wahlurne holt die AfD mit 51,2 Prozent eine klare absolute Mehrheit. Doch bei den Briefwählern bricht das Ergebnis auf gerade einmal 24,3 Prozent ein – ein Unterschied von fast 27 Prozentpunkten. Bei allen anderen Parteien läuft es genau andersherum: CDU, SPD, Grüne und Linke schneiden per Brief deutlich besser ab als im Wahllokal.
Besonders krass zeigt sich die Kluft in Orten wie Mertendorf und Hedersleben: Hier liegt die AfD an der Urne bei über 60 Prozent, bei der Briefwahl bricht sie auf rund ein Viertel ein. Ganze Dörfer scheinen politisch gespalten, je nachdem, wie gewählt wurde.
Warum ist der Unterschied bei der AfD so viel größer als bei allen anderen Parteien? Und warum werben ausgerechnet die Parteien, die vom Urnenergebnis nicht profitieren, besonders intensiv für die Briefwahl?
Ein Thema, das weit über Sachsen-Anhalt hinausreicht. Denn die nächste Wahl mit hoher Briefwahlquote kommt bestimmt.
Bei NIUS Live sprachen NIUS-Chefredakteur Julian Reichelt, NIUS-Kolumnist Gunnar Schupelius, NIUS-Reporter Julius Böhm
Originalbeitrag von NIUS


